Leseprobe: Zurück aus Afrika

Vorwort

Als im August 1998 mein Buch „Die weisse Massai“ erschien, war ich zwar optimistisch, dass die Schilderung meiner afrikanischen Liebesgeschichte auf breites Interesse stoßen würde. Dass es allerdings innerhalb kurzer Zeit auf den Bestsellerlisten landen, in bisher 17 Sprachen übersetzt und verfilmt werden würde, hatte ich auch in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Der Erfolg des Buches und all die Erlebnisse, die damit verbunden waren, entwickelten sich zu einem weiteren großen Abenteuer in meinem Leben. Damals hatte ich keinesfalls vor, ein zweites Buch zu schreiben. Doch im Laufe der Jahre erhielt ich Tausende von Briefen, Fax-Zuschriften und Mails, in denen mir Leserinnen und Leser auf verschiedenste Weise mitteilten, wie sehr sie von meiner Geschichte beeindruckt waren. Fast immer endeten diese Schreiben mit der Frage, wie es denn meiner kenianischen Familie, meiner Tochter und mir heute ginge. Versuchte ich zu Beginn noch, jedes dieser Schreiben persönlich zu beantworten, so musste ich eines Tages vor der Flut der Anfragen kapitulieren. Mit jedem neuen Zeichen der Anteilnahme an unserem Schicksal jedoch baute sich in mir ein wachsender innerer Druck auf, einer Art Verpflichtung nachkommen zu müssen. All jenen, die mich mit ihrer Anerkennung, ihrem Zuspruch und ihrem Interesse an meiner Lebensgeschichte zum Teil zutiefst berührten, möchte ich dieses Buch widmen.

Lugano, im April 2003

Abschied und Neubeginn

Wie aus weiter Ferne höre ich eine Stimme: „Hallo … hallo, aufwachen!“ Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich öffne die Augen und weiß im ersten Moment nicht, wo ich mich befinde. Als mein Blick auf das Bettchen vor meinen Füßen fällt und ich meine Tochter Napirai entdecke, fällt es mir schlagartig wieder ein: Ich bin im Flugzeug. Die Dame neben mir nimmt ihre Hand von meiner Schulter und meint lachend: „Sie und Ihr Baby haben aber tief geschlafen. Wir landen in Kürze in Zürich und Sie haben alle Mahlzeiten verpasst.“ Ich kann es kaum fassen: Wir haben es geschafft. Wir sind raus aus Kenia. Meine Tochter und ich sind frei!

Sofort erinnere ich mich an die letzten Aufregungen in Nairobi bei der Passkontrolle. Der Mann schaut uns an und fragt: „Is this your child?“ Napirai schläft im Kanga auf meinem Rücken und ich antworte: „Yes.“ Er blättert in ihrem Kinderausweis und in meinem Pass herum. „Warum wollen Sie mit Ihrer Tochter ausreisen?“, ist die nächste Frage. „Ich möchte meiner Mutter ihre Enkelin zeigen.“ „Warum ist Ihr Mann nicht dabei?“ Er müsse arbeiten und Geld verdienen, erkläre ich möglichst gelassen.

Der Mann blickt mich streng an und sagt, er wolle das Gesicht des Kindes besser sehen. Ich solle es aufwecken und mit seinem Namen ansprechen. Jetzt werde ich noch nervöser. Napirai, etwas mehr als fünfzehn Monate alt, erwacht und schaut sich verschlafen um. Der Mann fragt sie ständig nach ihrem Namen. Napirai sagt nichts, stattdessen werden ihre Mundwinkel immer länger und plötzlich weint sie. Ich versuche sie schnell zu beruhigen, weil ich voller Sorge bin, dass noch in letzter Minute alles schief läuft und wir dieses Land nicht verlassen können. Der Mann dreht Napirais deutschen Kinderausweis hin und her und fragt mit strengem Ton: „Warum hat sie bei einem kenianischen Vater einen deutschen Reisepass? Ist das wirklich Ihre Tochter?“ Immer mehr Fragen trommeln auf mich ein und ich bin vor Angst in Schweiß gebadet. So ruhig wie möglich erkläre ich, dass mein Mann ein traditioneller Massai sei, keinen Pass bekommen habe und wir in der Kürze nur diesen Reisepass organisieren konnten. Ich sei aber in drei Wochen zurück und würde mich dann um einen kenianischen Pass bemühen. Dabei schiebe ich ihm nochmals den von meinem Mann unterschriebenen Brief zu und bete leise vor mich hin: „Lieber Gott, lass uns nicht im Stich, lass uns diese paar Meter bis zum Flugzeug kommen!“ Hinter uns drängen sich mehrere Touristen und beobachten entnervt die Szene. Der Mann schaut mich noch einmal sehr durchdringend an, schweigt ein paar Sekunden und dann blitzen seine weißen Zähne, als er mit einem breiten Grinsen sagt: „Okay! Gute Reise und bis in drei Wochen. Bringen Sie Ihrem Mann etwas Schönes mit!“

Das alles geht mir durch den Kopf, als ich noch immer sehr müde meine kleine Tochter zu mir hoch hebe und ihr die Brust gebe. Meine Gefühle sind nun, kurz vor der Landung, sehr gemischt. Was wird meine Mutter sagen? Werden sie und ihr Mann überhaupt am Flughafen sein? Wie soll alles weitergehen? Wie sage ich ihr, dass dies kein Urlaub ist, sondern dass ich vor meiner einstigen großen Liebe geflohen bin und keine Kraft und keinen Mut mehr habe zurückzugehen? Ich weiß es nicht.

Kopfschüttelnd, wie um diese Gedanken loszuwerden, packe ich alles zusammen. Das Flugzeug setzt zur Landung an und wieder spüre ich diese enorme Erleichterung: Ich habe meine Tochter aus Kenia herausbekommen. Wir haben es geschafft!

Mit Napirai am Rücken laufe ich durch das Flughafengelände und fühle mich in meinem geflickten einfachen Rock, dem kurzärmeligen T-Shirt und den Sandalen am kühlen 6. Oktober 1990 etwas fehl am Platz. Die Menschen, so kommt es mir vor, mustern mich ziemlich befremdet.

Endlich sehe ich meine Mutter und ihren Mann. Freudig gehe ich auf sie zu, merke aber sofort, dass sie beim Anblick meiner mageren Figur erschrecken. Ich bin nur noch Haut und Knochen und wiege bei meinen 1.80 m weniger als 50 Kilo. Ich muss meine Tränen zurückhalten und fühle mich plötzlich unendlich müde und abgekämpft. Meine Mutter nimmt mich gerührt in die Arme. Auch ihre Augen sind feucht. Hanspeter, ihr Mann, begrüßt uns freundlich, doch etwas zurückhaltender, da wir einander noch nicht so gut kennen. Wir machen uns auf den Heimweg. Sie sind mittlerweile aus dem Berner Oberland ins Zürcherische Wetzikon gezogen. Schon im Auto fragt meine Mutter, wie es denn Lketinga gehe und wie lange ich gedenke, Urlaub zu machen. Mir schnürt es den Hals zu, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, und so antworte ich: „Vielleicht drei bis vier Wochen.“ Ich nehme mir vor, ihr die ganze Tragödie später zu erzählen. Meine Mutter hat ja keine Ahnung, wie schlecht es mir wirklich geht, da ich ihr die Ereignisse in den letzten Monaten nicht schreiben oder mitteilen konnte. Mein Mann kontrollierte alles und ich musste jeden geschriebenen Satz übersetzen. Als wir an der Küste lebten, brachte er manchmal meine Briefe anderen Leuten, die etwas Deutsch konnten, damit sie sie übersetzten. Wenn er nicht einverstanden war, musste ich den Brief ins Feuer werfen. Schon wenn ich nur an zu Hause dachte, sah mich Lketinga misstrauisch an und fragte, als könnte er Gedanken lesen: „Why you are thinking at Switzerland, you stay here in Kenia and you are my wife.“ Außerdem wollte ich meine Mutter nicht unnötig belasten, zumal ich ja lange immer noch an unsere gemeinsame Zukunft in Kenia geglaubt hatte.

Zu Hause empfängt uns lautes Hundegebell, das Napirai sehr erschreckt, weil sie das nicht kennt. In Kenia hat man ein eher distanziertes Verhältnis zu Hunden. Das Tier bellt wie verrückt und fletscht die Zähne. „Er ist keine Fremden gewohnt und schon gar nicht Kinder, doch für die paar Tage wird es schon irgendwie gehen“, erklärt meine Mutter. Wieder spüre ich das beklemmende Gefühl bei dem Gedanken, dass wir hier bleiben müssen, bis alles geregelt ist. Und das kann länger dauern, da ich keine Niederlassungsgenehmigung mehr für die Schweiz besitze und somit nur als Touristin eingereist bin. Ich bin zwar in der Schweiz geboren und aufgewachsen, besitze aber wie mein Vater einen deutschen Pass. Nach einem Auslandsaufenthalt, der länger als sechs Monate dauert, verliert man in der Schweiz die Aufenthaltsberechtigung. Ich will gar nicht daran denken, was alles auf uns zukommt. Mein Gott, ich muss es ihr sagen! Im Moment habe ich aber nicht die Kraft, ihr die Freude zu nehmen und den wahren Grund unseres Besuches zu erklären. Sie ist einfach glücklich, ihre Tochter und die Enkelin endlich wieder zu sehen. Außerdem sind die beiden natürlich nicht eingerichtet für eine plötzliche Rückkehr der erwachsenen Tochter mit einem Kind. Immerhin lebe ich schon seit meinem 18. Geburtstag nicht mehr zu Hause.

Mit Napirai beziehe ich das kleine Gästezimmer und packe unsere wenigen Habseligkeiten aus. Ich besitze lediglich ein paar Kinderkleidchen und etwa 20 Stoffwindeln sowie eine Jeans und einen Pulli für mich. Alles andere habe ich in Kenia gelassen – Lketinga sollte ja glauben, dass ich zurückkomme. Er hätte mich sonst nie und nimmer mit unserer Tochter ausreisen lassen. Vorsichtig bewege ich mich in dem schönen großen Haus, das mit gepflegten Möbeln, Pflanzen und Teppichen eingerichtet ist. Am meisten aber beeindruckt mich die Toilette, die ich nun an Stelle der stinkenden Plumpsklos benutzen kann. Meine Mutter fragt mich, was ich gerne essen möchte. Mir läuft beim Gedanken an einen saftigen Wurst-Käsesalat das Wasser im Mund zusammen und so äußere ich meinen Wunsch. Sie ist fast enttäuscht, da sie mir etwas Besonderes kochen wollte. Doch für mich ist dieses Essen nach vier Jahren Busch das Feinste, was ich mir vorstellen kann. Als ich bei den Samburu lebte, hatte ich nie die Gelegenheit, etwas derart Frisches zu essen. Außer Maismehl, manchmal Reis oder noch seltener ungewürztem Fleisch gab es ja nichts. Wie freue ich mich auf diesen Salat mit einem Stückchen frischen Brot!

Napirai ist inzwischen auch ganz neugierig und beobachtet aufmerksam die ihr unbekannten weißen Menschen. Zwischenzeitlich hat sie fast alle Bücherregale ausgeräumt und gräbt in der Pflanzenerde herum. All diese Dinge sind neu für sie. Endlich gibt es Essen. Allein beim Anblick könnte ich vor Freude fast weinen. Wie viele Male hatte ich nachts von solch einer Mahlzeit geträumt! Jetzt kann ich sie einfach wünschen und nach einer halben Stunde steht sie vor mir.

Meine Mutter will natürlich gleich einen ausführlichen Bericht, wie mir mein neues Leben in Mombasa gefalle und wie mein Souvenirgeschäft am Diani-Beach angelaufen sei. Sie ist so froh, dass ich nach den drei Jahren im tiefsten Busch wieder etwas näher an der Zivilisation lebe. Nur versteht sie nicht, warum ich noch dünner bin als bei meinem letzten Besuch, da ich doch nun mehr Möglichkeiten habe, mich besser zu ernähren. Mich machen diese Fragen völlig fertig und noch trauriger. So gebe ich nur mechanische Antworten, die weit von der Wirklichkeit entfernt sind. Auf Grund ihrer fast naiven Unbekümmertheit wird es für mich noch schwerer, die Wahrheit zu sagen.

Meine Freude über das köstliche Essen hält nicht lange an. Nach einer halben Stunde habe ich höllische Magenkrämpfe und liege zusammengekrümmt auf dem Bett. Natürlich hätte ich mit meiner erst vor einem Jahr eingehandelten Hepatitis kein Fett essen sollen und erst recht keine kalte Kühlschrankkost. Schließlich habe ich jahrelang nur einfachste Gerichte aus dem Kochtopf gegessen. Doch angesichts der Möglichkeit, endlich wieder etwas Besonderes zu bekommen, habe ich einfach nicht mehr daran gedacht. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu übergeben, damit sich mein Magen wieder beruhigt.

Napirai wird von meiner Mutter gebadet, was ihr sehr gefällt. Sie planscht und quietscht vor Vergnügen und bekommt danach zum ersten Mal Pampers-Windeln angezogen. Meine Güte, ist das einfach! Anziehen, voll machen, ausziehen und wegwerfen. Unglaublich toll! Vorbei sind die Zeiten wie die in Nairobi, in denen ich die verkackten Windeln herumschleppen und sie am Abend mit der Hand in kaltem Wasser auswaschen musste, bis mir die Knöchel brannten.

Um acht Uhr bin ich todmüde. In Kenia gingen wir um diese Zeit meistens schlafen, da wir kein elektrisches Licht hatten und es früh dunkel wurde. Ich muss sowieso mit Napirai ins Bett gehen, denn sie ist es nicht gewohnt, allein zu schlafen. In der Manyatta im Hochland schlief sie immer bei mir oder bei der Großmutter und an der Küste zwischen mir und meinem Mann. Das ist für Samburu-Kinder normal. Sie brauchen den Körperkontakt. Im Bett überfallen mich Traurigkeit und auch Zweifel, ob ich das Richtige tue. Leise weinend schlafe ich ein.

Zurück aus Afrika

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Zurück aus Afrika – Leseprobe

Updated on 2015-06-25T14:08:13+00:00, by Corinne Hofmann.